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Können Journalisten richtig rechnen? - Prozentrechnung in der Frankfurter Rundschau

Ein verbreitetes Vorurteil besagt, dass Journalisten nicht rechnen können und deshalb Zahlenangaben in der Presse fehlerverdächtig seien. Es ist ärgerlich wenn solcher - in dieser Grundsätzlichkeit sicher unangebrachten Pauschalisierung - immer wieder Nahrung gegeben wird, beispielsweise u..a. Artikel.

Man mag unterschiedlicher Meinung sei, ob bei Anteil-Veränderungen die Angabe der prozentualen Veränderung oder die Angabe der Veränderung in Prozentpunkten informativer ist. Wenn sich zum Beispiel der Anteil Kranker an einer Population von acht Prozent auf vier Prozent verringert, ist das eine Halbierung. Die richtigen Angaben sind dann „Verringerung um 50%“ bzw. „Verringerung um 4 Prozentpunkte“. Falsch ist dagegen die Aussage, es habe sich um eine Verringerung um 4 Prozent gehandelt.

Es ist doch schade, wenn die Kenntnis des Unterschieds zwischen Veränderungen um Prozenten und um Prozentpunkte zu völlig falschen Angaben führt.

In der Online-Ausgabe der geschätzten Frankfurter Rundschau schrieb Christian Siepmann am 6. September 2012 in dem Artikel Warten auf das „Chère François“ über den Wandel der Beziehungen zwischen jungen Deutschen und jungen Franzosen:

Von den je 750 Befragten in beiden Ländern, im Alter von 15 bis 34 Jahren, sagen 56 Prozent der Franzosen, dass Frankreich im Vergleich zu den Beziehungen mit anderen europäischen Ländern bevorzugte Beziehungen zu Deutschland unterhalte - vor einem halben Jahr waren noch 68 Prozent der jungen Franzosen dieser Meinung, ein Minus von acht Prozent. Noch deutlicher äußern sich die jungen Deutschen: Schätzten vor einem halben Jahr noch 60 Prozent von ihnen die Beziehungen zu Frankreich als privilegiert ein, waren es jetzt nur noch 47 Prozent - 13 Prozent weniger.

Es wird also eine Veränderung um „13 Prozent“ festgestellt, richtig wäre die Angabe einer Verringerung um „13 Prozentpunkte“ oder (informativer) ein „Rückgang um knapp 22 Prozent“.

Falls man falsch noch steigern könnte, wäre das bei den Angaben zu den französischen Jugendlichen festzustellen: Ein Rückgang von 68 Prozent auf 56 Prozent ist keineswegs - wie angegeben - eine Abnahme um 8 Prozent, auch nicht um 8 Prozentpunkte, sondern um 12 Prozentpunkte oder - aussagefähiger - um knapp 18 Prozent.

Wenn ein Artikel schon quantitative Angaben macht und bewertet, sollten diese auch stimmen. Da sich die Autoren entsprechender Artikel einer großen Gemeinschaft von Lesern gegenüber sehen können, die ebenfalls die Prozentrechnung nicht beherrschen, scheint es als Alternative zum Erlernen sinnvoll, sich auf qualitative Angaben zu beschränken („erheblicher Rückgang“) oder nur die Quelldaten zu nennen und die „Auswertung“ den Lesern zu überlassen.

Klaus-R. Löffler

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