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Sprache am Marterpfahl

 Die Sprache spiegelt in ihrer zeitlichen Entwicklung einen ständigen Kampf zwischen Bewahrern und Neuerern wieder. Begriffe ändern ihre Bedeutung unter sozialen Einflüssen: Manche Wörter der gehobenen Sprache werden durch Abnutzungserscheinungen in ihrer Wirkung immer schwächer, bis sie schließlich durch andere ersetzt werden. Der grammatisch festlegte Gebrauch wird durch Analogie zu bedeutungsverwandten Wörtern abgewandelt, usw. usw. Kurz: Sprache ist in Bewegung.

Die heroischen Sanitäter der Sprache halten ihre zu klein geratenen Schilde bald in diese, bald in jene Richtung, wehren sich gegen den Gebrauch alter und die Einführung neuer Fremdwörter, postulieren den Gebrauch der vermeintlich entsprechenden deutschen Wörter, vielfach ohne zu erkennen, dass der neue Begriff oft zu einem Fachterminus geworden ist, den das unpräzisere deutsche Wort nur unzureichend ersetzen kann. Kids sind nun einmal etwas anderes als Kinder (nämlich eine bestimmte Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die meist unter dem Aspekt von Bedürfnissen, Geschmacksrichtungen und Lebensgefühl gesehen wird), eine Floppy Disk ist keine Schwabbelscheibe und ein Joystick auch kein Freudenstab.

Allerdings wünscht man sich von den Journalisten und Moderatoren in den öffentlichen Medien, dass sie im dialektischen Prozess der Sprachentwicklung durch Kenntnis und Bewahrung der zur Zeit noch angemessenen Sprache als mäßigende und stabilisierende Faktoren klare Festhaltepunkte im Gewühl der Sprachchaoten bilden. Sie wissen noch, dass man mit Standard nicht die Kunst meint, etwas im Stehen zu tun, wie es die im Internet dominierende Schreibweise Standart suggerieren mag, welche dann für die Pluralbildung noch Schlimmeres befürchten lässt. Noch ist der Gebrauch der Fälle in heftigem Fluss:

Gegenüber des niedergebrannten Hauses gedachten die Besucher den unschuldigen Opfern.

Man hörts und schaudert und ist doch immer wieder erneut überrascht, wenn nicht nur schlichte Rundfunksprecher, sondern auch Künstler der Sprache wie Dirty Harry Schmidt elegant den Genitiv hinter der Präposition entgegen in ihre Sätze weben.

Bei geschätzten Sendern möchte man vielleicht auch lieber in einem durch das Engagement und Bemühen um Aktualität bedingten Schreibfehler die Ursache des Verstoßes gegen die Grammatik sehen als sprachlichen Kompetenzmangel, aber leider streift sich hier gelegentlich der Verursacher selbst das Feigenblatt ab: Nachdem die Redaktion der Tagesschau in ihrem Artikel "Union fordert Schutz vor iranischen Atomwaffen" berichtet hatte, für wie notwendig das Raketenschild von einem Teil der Politiker gehalten werde, bedankte sie sich zwar brav für den Hinweis auf den grammatikalischen Fehler, aber nur um zwei Tage später im Artikel "Jung wirbt für US-Raketenschild" festzustellen, wie umstritten in der Großen Koalition das US-Raketenschild sei.

Ein Gast aus Brasilien, mit der deutschen Sprache als zweiter Fremdsprache mittelmäßig vertraut, verblüffte den Schreiber dieser Zeilen durch seine abrufbereite Kenntnis der Präpositionen, die mit Dativ, Akkusativ, oder beiden dieser Fälle stehen können. Natürlich braucht man solche erlernten Zusammenfassungen nur dann, wenn man nicht intuitiv den richtigen Fall zu setzen vermag, also immer häufiger. Wir rufen kampfbereit Rettet dem Dativ! - und handhaben ansonsten Fall und Geschlecht gleichermaßen ungezwungen. Die Sprache ist frei, weil: So genau kommt es nicht darauf an. Nur manchmal - wenn es ins politische Konzept passt - entwickelt plötzlich auch eine Nachrichtenredaktion Sprachsensibilität. So war einem Fernsehsender vor einigen Jahren folgende Mitteilung wichtig genug für die stündlich wiederholten Nachrichten:

Ein peinlicher sprachlicher Schnitzer unterlief dem Kanzler, als er von Deutschland als einem gastfreien Land sprach.

Peinlich eigentlich nur für die der Sprache nicht ausreichend mächtige Redaktion, deren Vokabelumfang das alte, aber durchaus noch gebräuchliche Wort gastfrei in seiner korrekten Bedeutung "frei und offen für Gäste" offenbar nicht mehr enthielt.

Man könnte vielleicht meinen, korrekte Sprache sei kein Thema des öffentlichen Interesses. Wer das allerdings dachte, wurde durch den publizistischen Sturm anlässlich der Rechtschreibreform eines Anderen belehrt. Hatten sich schon beim Übergang von den vierstelligen zu den fünfstelligen Postleitzahlen Zeitungsredakteure und Leserbriefschreiber vielstimmig zu einem Chor vereinigt, der wenn nicht den Weltuntergang, so doch Katastrophen ungeheuren Ausmaßes als unvermeidliche Folge dieser frevlerischen und bisherige Orientierungsmarken aufhebenden Maßnahme auf uns zukommen sah, so scheint vielen seit den weitgehenden Festlegungen durch die neue Rechtschreibreform die abendländische Kultur in ihrer Gänze gefährdet. Dabei kann man durchaus verstehen, dass Schriftsteller vor dem Gedanken zurückschaudern, ihre Werke seien mit einem Male nicht mehr auf der Höhe der Zeit, sondern ständen plötzlich in veralteter, ja nunmehr gar fehlerhafter Schreibweise vieler Textstellen in den Regalen ihrer Leser und - schlimmer noch - bei Buchhändlern und Sortimentern. Vielleicht kauft ja dann keiner mehr die auf einmal fehlerhaft gewordene Ware?

Die Aufregung der anderen erscheint künstlich und unangemessen. Natürlich sehen uns Delfin und Gämse in ihrer neuen Schreibweise so verändert an, wie ein Bekannter, den wir zum ersten Mal ohne Brille sehen, natürlich grämt es den philologisch Gebildeten, wenn in einigen Wörtern der griechische Stamm durch die neue Schreibweise verschleiert wird, natürlich stören den Puristen die Inkonsequenzen bei der Verfolgung des Stammprinzips und den Ästheten die nun vermehrt auftretenden Konsonantendrillinge in zusammengesetzten Wörtern; vielleicht ärgert auch die Abkopplung von der internationalen Schreibweise bei Wörtern wie Tipp oder Stopp. Aber ist das, wenn es denn weitgehend einvernehmlich geschieht, wirklich von Belang? Mit Recht hat man sich gegen Verluste an sprachlicher Klarheit gewehrt; so entsprach dann ja die Rücknahme der in vielen Fällen sinnverschleiernden Getrenntschreibung einer berechtigten Forderung.

Nachdem das Schreiben gemäß den Vorschriften der Rechtschreibreform problemlos seit Jahren an unseren Schulen praktiziert wird, gibt es keinen vernünftigen Grund mehr, das ganze Unternehmen zu stoppen. Ungereimtheiten werden teilweise bleiben, teilweise behoben werden. Es ist auch nicht einzusehen, warum bei einem Wort nicht alternative Schreibweisen gestattet sein sollen; schließlich sind unsere Aussprachenuancen über die Republik hinweg ja ebenfalls in weiten Teilen nicht normiert oder verfehlen ungestraft die Norm. Und wenn selbst Zeitschriften wie die Frankfurter Rundschau, von denen man meistens zu Recht einen kulturellen Mindeststandard erwartet, fröhlich hinter gemäß, entsprechend oder entgegen immer mal wieder den Genitiv folgen lassen, dann wähnt man sich beim Marsch in die sprachliche Verwilderung wenigstens in kompetenter Gesellschaft.

"Du wirst", sagt so oder ähnlich an vielen Stellen der rote Bruder zum weißen Helden bei Karl May, "keinen Laut des Schmerzes hören, wenn Winnetou am Marterpfahl steht." Machen wir es am besten so wie Winnetous Blutsbruder: Befreien wir die Sprache vom Marterpfahl; schließlich hat sie lange genug tapfer ertragen, was ihr an Quälereien zugemutet worden ist. Und seien wir bereit, diese Befreiung immer wieder durchzuführen; schließlich sitzen in Zeitungsredaktionen und Studios genug geistige Geschwister von Mays Kiowas und Komantschen.

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